Method Jam – urban methods. Die Dokumentation

Urbanen Wandel moderieren und gestalten – das war Thema des vierten Method Jams im Colabor am 17. September 2018. Hier ein Überblick über die Diskussionen und Ergebnisse.

Hintergrund

Der “Method Jam” ist ein offener Treff zum Methodenaustausch im Colabor | Raum für Nachhaltigkeit. Während wir uns bisher mit Selbstorganisation, Gruppendynamiken und Projektsteuerung befasst haben, ging es beim vierten Method Jam um das Thema Stadt:  Mit welchen Methoden kann man in der Stadt Wandel bewirken? Wie verändern wir den öffentlichen Raum?

Dafür gibt es verschiedenste Tools und Instrumente. Wie können wir Menschen einbinden, positive Visionen entwerfen und Energien freizusetzen – und die Konflikte um die Zielsetzung, den Weg und die Geschwindigkeit des Wandels im öffentlichen Raum auffangen?

Der Method Jam ist ein offenes Format und Impulsgeber sind immer willkommen. Beim “urban methods”-Jam waren ca 25 Teilnehmende aus sehr unterschiedlichen Berufsfeldern da – vom Design über Sozialpädagogik hin zu Projektmanagement und Beratung.

Beim Colabor Method Jam Vol4 wurden drei Methoden vorgestellt und in Kleingruppen diskutiert: Wie lassen sie sich anwenden? Passen sie zu bestehenden Projekten? Welches Instrument passt für welche Situation und welche Gruppe?

Hier ein paar Einblicke:

Taktischer Urbanismus

Der Begriff “Taktischer Urbanismus” kommt aus den USA – die Methode ist dort als Tactical Urbanism bekannt und gut beschrieben. In Deutschland ist das Konzept eher unbekannt – auch wenn es erste Debattenbeiträge gibt (hier von der Bürgerbeteiligungs-Agentur Zebralog).  Martin Herrndorf stellte die Methode beim Method Jam vor.

Taktischer Urbanismus geht davon aus, dass wir menschenfreundliche, zukunftsgerechte Städte nicht per Masterplan “top-down” erreichen, sondern dass wir zahlreiche, sich ergänzende Impulse und Projekte brauchen, die schrittweise und durch konkrete Erfolge Möglichkeits- und Gestaltungsräume aufzeichnen, eine Koalition und Änderungswillen für Urbanen Wandel schaffen und hierfür auch bei Stadtverwaltung und Politik für Unterstützung werben.

Aktivitäten im Rahmen des taktischen Urbanismus zeichnen sich gemäß des Handbuchs “Tactical Urbanism” dadurch aus, dass die Initiatoren:

  • Lokale Lösungen für lokale Herausforderungen anbieten;
  • Veränderungen bewusst und schrittweise einleiten;
  • Sich kurzfristig und mit realistischen Erwartungen engagieren;
  • Nach Handlungsoptionen mit niedrigen Risiken und einer möglicherweise hohen Belohnung suchen;
  • Soziales Kapital zwischen den Bürgern entwickeln;
  • Organisatorische Kapazitäten zwischen öffentlich-privaten Institutionen, gemeinnützigen Organisationen und ihren Wählern aufbauen.

Die Kriterien für taktischen Urbanismus – hier als PDF zum Download! Photo: Isabelle Kundoch.

In der Arbeitsgruppe wurden zwei aktuelle Projekte der Agora Köln vorgestellt, die den Kriterien des “taktischen Urbanismus” entsprechen. So schafft das Gogomobil als Kleinprojekt Raum für nachbarschaftliche Begegnungen – und stößt Diskussionen über die Nutzung des öffentlichen Raums an. Es ist von nachbarschaftlichem Engagement getragen und, hat Politik und Verwaltung erreicht und schafft Präsenz im öffentlichen Raum.

Beim Tag des guten Lebens ist auf eine breitere Wirksamkeit angelegt. Der kurzfristige Erfolg besteht hier darin, öffentlichen Raum für einen Tag vom Autoverkehr zu befreien und mit den Anwohnerinnen und Anwohnern sowie Vereinen, Gruppen und Künstlerinnen und Künstlern aus der Stadtgesellschaft zu gestalten. Der große Zuspruch zu den bisher stattgefundenen fünf Tagen des guten Lebens hat die “menschengerechte Stadt” als Leitbild in Köln verankert und in den Stadtteilen konkrete Folgeprojekte angestoßen – wie die Umgestaltung von Stammstraße und Rothehausstraße, die Initiative Sternplatz, die Ehrenfelder Freiheit oder die Deutzer (auto)freiheit.

Zum Abschluss wurden aktuelle urbane Herausforderung in Köln diskutiert. Als Beispiel wurde der Lenauplatz sowie die Frage, wie wir zu einem (möglichst) “müllfreien” Köln kommen. Angedachte Formate waren ein Zero Waste Picknick auf dem Lenauplatz und ähnliches.

Urban Design Thinking

Mit der Methode des Urban Design Thinking werden die Instrumente und Prinzipien der Design Thinking Methode erweitert und auf den Stadtraum angewendet. Ziel ist, Orte in der Stadt zu identifizieren, sie neu wahrzunehmen und – auf Bedürfnisse abgestimmt – zu gestalten. Die Methode wird in Deutschland unter anderem von den “Urban Design Thinkers” (UDT), einem losen Netzwerk aus Stadtplanern, Architekten, Stadtforschern, Designern, Soziologen, Wirtschaftswissenschaftlern und Sozialunternehmern vorangetrieben. Auch einige der Mitbegründer der Design Thinking Methode widmen Urban Design Thinking ein Kapitel in ihrem Design Thinking Playbook.

Verena Hermelingmeier stellte die Methode beim Method Jam vor.

Beim Urban Design Thinking wird ein sechsstufiger Prozess – ähnlich dem “normalen” Design Thinking Prozess – durchlaufen. Wie auch sonst im Design Thinking, ist der Prozess nicht linear zu verstehen, sondern als iterative Abfolge verschiedener Phasen. Dem Handbuch der UDT zufolge, sind die Schritte:

Ortssuche

Die Wahl des Ortes ist ausschlaggebend für das Projekt: Man muss die Eigenlogik der Stadt verstehen, um zu wissen, wo und an welchem Ort ein Projekt sinnvoll und umsetzbar ist. Mögliche Flächen sind Teile von Parkanlagen, Plätze in Stadtvierteln, Brachen, Grünstreifen, Gehwege, Baumscheiben etc.

Beobachten

Im nächsten Schritt sollte der Ort möglichst genau wahrgenommen werden. Ziel ist es, so viele Informationen wie möglich zu sammeln. Wahrnehmungssticker zu Potenzialen, Schwachstellen und Fragen können dabei helfen. Die entscheidenden zwei Kategorien von Beobachtungen betreffen a) Nutzer des Ortes: Wer hält sich hier auf und warum? und b) den Raum selbst: Was gibt es hier aktuell?

Zusammentragen

Im Anschluss werden die Beobachtungen zusammengetragen und nach Erkenntnissen in Clustern angeordnet. Am Ende sollte eine gute Übersicht stehen: a) Um welchen Ort handelt es sich? b) Wer sind die Nutzer des Ortes? und c) Wie ist der Raum aktuell beschaffen

Fragestellung

Das Entwickeln einer Persona (fiktiver Charakter, der bestimmte Nutzergruppen repräsentiert) kann dabei helfen, eine Fragestellung für die Ideenentwicklung zu formulieren. Die Fragestellung beginnt mit: Wie können wir….(Potenziale des Ortes heben und Schwachstellen beseitigen?)

Ideen entwickeln

Im Brainstorming werden so viele Ideen wie möglich generiert, wie der Ort besser auf die Bedürfnisse der Nutzer abgestimmt werden kann. Die Ideen werden nach und nach zugespitzt und es wird eine Idee für den nächsten Schritt ausgewählt.

Prototyping/Umsetzung

Im letzten Schritt wird die Idee – idealerweise in Form eines Prototypings gemeinsam mit den Nutzern – umgesetzt. Das Prototyping findet direkt vor Ort statt.

Beim Method Jam haben wir als Gruppe den kleinen Park direkt an der Herkulesstrasse und gegenüber des Colabors als Ort gewählt. Dort haben wir Beobachtungen durchgeführt, haben den Raum auf uns wirken lassen und mit Nutzern des Parks gesprochen. Hinterher haben wir die Erkenntnisse ausgetauscht und ein erstes schnelles Brainstorming zu Veränderungs- und Verbesserungsmöglichkeiten vor Ort durchgeführt. Unter den beliebtesten Ideen waren Blumenbeete mit Patenschaften (z.B. von umliegenden Schulen) als Antwort auf die Erkenntnis, dass mehr Farbe den Park bereichern würde, es allerdings wichtig wäre, dass die Beete gestaltet und gepflegt würden. Gleichzeitig könnte der Austausch verschiedener Nutzergruppen durch das gemeinsame Gärtnern gestärkt werden.

 

Cycle of ownership

Der ‚Cycle of ownership‘, nach Milenko Matanovic, beschreibt einen Kreislauf, bei dem die Idee einer einzelnen Person, oder einer kleinen Gruppe, von einer Community angenommen, und zur Idee, bzw. zum Projekt aller werden kann. Gabi Linde hat diesen Kreislauf am Beispiel der Sternplatzinitiative Köln, ein Leuchtturmprojekt der Agora Köln, erläutert. Im Anschluss wurden Fragen diskutiert und die Anwesenden wurden eingeladen, den Circle of ownership an eigenen Beispielen durchzugehen und auf entstehende (Nachbarschafts-) Projekte anzuwenden.

In 2015 überlegten ein paar Nachbarinnen und Nachbarn, einen unattraktiven Nachbarschaftsplatz (Kreuzung Arnulfstrasse, Remigiusstrasse, Konradstrasse, Köln Sülz) zu einem Quartiersplatz mit Aufenthaltsqualität umzugestalten (Abbildung 1, Schritt 1).

 

In 2016 gründete sich die Sternplatzinitiative aus ca. 14 Nachbarinnen und Nachbarn. Sie überlegten, wie der Platz umgestaltet werden könnte, aufgeteilt in zwei Phasen. In der ersten Phase, für die schnellere Umsetzung geplant, sollten ein Tisch, Bänke, Büsche und Fahrradnadeln installiert werden. In der zweiten Phase ging es um eine erweiterte Umgestaltung des Platzes – mit einer Änderung der Straßenführung, einer Erweiterung des Platzes und dem Abbau von Parkplätzen.  (Abbildung 1, Schritt 2)

Diese Ideen, insbesondere Phase 1, wurden mit Expertinnen und Experten diskutiert und auf Machbarkeit überprüft. Anschließend wurden die Ideen den Anwohnenden in zwei offenen Treffen präsentiert. Bedenken wurden diskutiert, neue Ideen wurden mit aufgenommen und gemeinsam wurde das Projekt in o.g. zwei Phasen beschlossen. Weitere Projektbeführwortende aus der Nachbarschaft konnten gewonnen werden: Es wurde ein Schild ‚Unser Sternplatz soll schöner werden’ (mit Angabe einer Email-Adresse) aufgestellt und eine Facebook Gruppe ‚Sternplatzinitiative‘ gegründet  (Abbildung 1, Schritt 3).

Von der Initiative wurde für die Phase 1 ein Antrag zu Stadtverschönerungsmaßnahmen an die an die Bezirksvertretung gestellt. Bis zur Entscheidung fanden zahlreiche Nachbarschaftstreffen statt – von Kaffeeklatsch über Fussball gucken und Geburtstag feiern  (Abbildung 1, Schritt 4)

Nach Antragsgenehmigung wurden Stadtmöbel, Büsche und Fahrradnadeln in Abstimmung mit der Gruppe und dem Grünflächenamt der Stadt Köln fest installiert  (Abbildung 1, Schritt 5).

Nachdem die Phase 1 erfolgreich durchgeführt und gefeiert wurde, beginnt aktuell (Herbst 2018) die Phase 2 – in der der Cycle of Ownership wieder von vorne beginnt  (Abbildung 1, Schritt 6)

Die Idee der größeren Platz-Umgestaltung  (Abbildung 1, Schritt 1) wurde der Steuerungsgruppe (die sich neu aufgestellt hat (Abbildung 1, Schritt 2) diskutiert. Die Ergebnisse werden im nächsten Schritt bei einem offenen Anwohnendentreffen vorgestellt und diskutiert (Abbildung 1, Schritt 3) und so geht der Kreislauf weiter…          

Beim ‘Cycle of ownership’ wird die Grundidee einer Person oder einer kleinen Gruppe zum Projekt aller Beteiligten, die sich mit dem Projekt identifizieren, dh. ‘als ihre annehmen’ und eigene Ideen mit einbringen.  

Die Basisidee wird zur Suche einer Steuerungsgruppe verwendet. Für ein Nachbarschaftsprojekt sollte die Steuerungsgruppe aus 8-14 Leuten bestehen. Somit wird gewährleistet, dass das Projekt ‘am Laufen gehalten wird’. Die Idee wird in der Gruppe besprochen und der Wirkungskreis wird erweitert – es werden Vertreterinnen und Vertreter der Community zum Mitmachen und zur Weiterentwicklung des Projektes eingeladen. Mit Experten und Expertinnen und der Stadtverwaltung werden im Vorfeld der Projektdurchführung Ideen auf Machbarkeit überprüft.

Die Nachbarschaft, bzw. erweiterte Community wird zum Projekt eingeladen, insbesondere damit sie sich aktiv beteiligt, eigene Ideen einbringt, diverse organisatorische Aufgaben ehrenamtlich übernimmt und andere Menschen ebenfalls für das Projekt begeistert. Nach erfolgreicher Projektdurchführung hat das Projekt Potential, die Kultur der Nachbarschaft langfristig zu verändern, indem neue Nachbarschaftsprojekte geplant und durchgeführt werden und auch, dass angrenzende Nachbarschaften sich von den Nachbarschaftsprojekten inspirieren lassen. (Abbildung 2).

Und jetzt?

Den drei Methoden ist gemein, dass die Bürgerinnen und Bürger einer Stadt nicht als passiv “zu beteiligende” angesehen werden, sondern dass sich diese aktiv und aus Eigeninitiative in Planungsprozesse einbringen beziehungsweise diese initiieren können. Dabei wird stadtplanerisches Wissen verbunden mit Impulse “von unten”, das die komplexen Lebenswelten vor Ort berücksichtigt und abbildet.

Solch eine Planungen “von Bürgern für Bürger” eröffnet damit neue Partizipations- und Gestaltungsspielräume. Wir freuen uns auf Erfahrungsberichte, wie ihr diese genutzt habt und welche Erfahrungen ihr damit macht!

Dank

Das Projekt wurde realisiert mit freundlicher Unterstützung von StadtBauKultur NRW. Dort gibt es jetzt auch ein Profil zum Method Jam – Danke!

 

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